Karlheinz Stockhausen: Mikrophonie I

Christoph Ogiermann: CONTRE-PIECE. Vorhang weg! RENNEN!

Eine Gegenüberstellung in zwei Akten.

Karlheinz Stockhausen und Christoph Ogiermann in einem Programm. Wo der eine Maßstäbe setzte im 20. Jahrhundert und als Wegbereiter für viele musikästhetische Entwicklungen bis heute gilt, versucht der andere mit Maßstäben zu brechen, Wege entweder ganz zu verlassen oder deren Richtung durch unzählige Querverbindungen unkenntlich zu machen, auf gewisse Weise das Maß als Statusindikator ganz abzuschaffen.

Mikrophonie I aus dem Jahr 1964 für 6 Spieler, Tamtam, 2 Mikrophone, 2 Filter und Regler gilt als Schlüsselwerk der Live-Elektronik. Das aufführende Ensemble lässt sich in drei Gruppen unterteilen, die eine ist mit verschiedenen Objekten am Tamtam für die Klangerzeugung verantwortlich, Gruppe zwei fängt mit Mikrophonen die Klangresultate ein während die dritte Gruppe die eingefangenen Klangsignale mit elektrischen Filtern und Reglern direkt transformiert. Stockhausen untersucht hier die Möglichkeiten der direkten Bearbeitung akustisch erzeugter Klänge sowie die Mischung die sich aus den akustischen Resultaten und der Wiedergabe von deren Bearbeitungen durch Lautsprecher im Saal ergibt.
Der Titel Mikrophonie ist für Stockhausen ein Verweis auf die untersuchende Rolle der Mikrophone, die als aktive Instrumente das Tamtam nach verschiedenen Schwingungen abtasten und vergrößern, ähnlich dem Abhorchen eines Körpers durch einen Arzt.

In Zusammenarbeit mit Ensemble sh|ft möchte Christoph Ogiermann in seiner Komposition Bezug nehmen auf den historischen Kontext von Mikrophonie.
Unter dem Arbeitstitel CONTRE-PIECE: Vorhang weg! RENNEN! entsteht ein Stück für vier Spieler*innen und zwei Klangregisseur*innen in Elektronischer Umgebung.
Der materielle Rahmen in dem sich die Spieler*innen bewegen wird grundsätzlich aus Mikrophonie I übertragen. Die Spielmaterialien, die bei Stockhausen zur Klangerzeugung am Tamtam zum Einsatz kommen, werden selber zu Klangquellen und räumlich disponiert inszeniert. Live-Elektronik erzeugt mittels Filterverläufen Melodien die aus Arbeitsvorgängen am Spielmaterial generiert werden. In diesem Setup werden Stimmen und Körper der Spieler*innen klanglich und visuell in Szene gesetzt, heben so das Stück aus der Anonymität und bilden einen Kontrapunkt zur reinen Klanglichkeit und deren verdeckter Bearbeitung.
Ein großes Anliegen des Komponisten und des Ensembles ist es, ein Stück zu erstellen das in unterschiedlichsten Kontexten zum Einsatz kommen kann. Die etablierten Bühnen des Neue- Musik-Betriebs sind wichtige Plattformen und Orte des Austauschs und als solche auch angefragt. Vorhang weg! RENNEN! will jedoch diesen Rahmen auch durchbrechen. Es sind daher Aufführungen abseits dieser Bühnen geplant, beispielsweise auf verschiedenen Balkonen in einer Hochhaussiedlung in Bremen Nord oder im ländlichen Raum.
Klassische Rollenverteilungen aus Rezipienten und Kommunikatoren können so neu verhandelt werden, neue Akteure eintauchen ins soziale feedback - und die ewigen loops des Expertentums gewinnen eine echte Alternative.

Christoph Ogiermann

Geboren 1967. Beginnt 1990 auf Anregung von Erwin Koch-Raphael zu komponieren, schreibt seither Musik. Kompositionsstudium an der Hochschule für Künste Bremen bei Younghi Pagh- Paan, Nicolas Schalz, Georges-Nicolas Wolff.
Tätigkeit als Rezitator, Sänger; Geiger und Pianist in den Bereichen Improvisation und europäische Kunstmusiken.
Aufenthalt im Archivio Luigi Nono/Venedig (DAAD). Gastkomponist am Institut für Elektronische Musik und Akustik Graz, im Studio für Elektronische Musik der Technischen Universität Berlin, im Experimentalstudio des SWR. Stipendiat der Cité des Artes, Paris, Kunstpreis Musik, der Akademie der Künste, Berlin Einladungen als Dozent für Komposition, Improvisation und Elektronik u.a. nach Edingurgh, Queretaro, Pitea, Trossingen, Hildesheim, Luzern

Künstl. Leiter der projektgruppe neue musik bremen und REM (Rapid Ear Movement: Konzerte und Festival Elektronischer Musik). Mitglied im Künstlerkollektiv TONTO/ Graz und Stock 11. Mitbegründer und Mitglied im MusikAktionsEnsemble KLANK